Thema P1: Anwendungsorientierung der Forschung (Kommentar Dr. Marettek 06.02.2020)

Der Wissenschaftsrat hat am 03.02.2020 ein Positionspapier veröffentlicht, dass einigen Sprengstoff für alle Wissenschafts-Strategen an den Hochschulen enthält. (Wir vertiefen das Thema im nächsten Blog P2).

Der Wissenschaftsrat sagt schon im Vorwort (ebenda S. 5), dass er mit dem Konzept der Anwendungsorientierung in der Forschung „das Kontinuum zwischen den beiden Polen von Grundlagen- und angewandter Forschung in den Vordergrund rücken, um Neu- und Umorientierungen in Forschungsprozessen zu erleichtern und ihre Dynamik zu befördern.“

Damit wird offenbar angedeutet, dass die in Deutschland weit verbreitete Trennung zwischen Grundlagenforschung (meist an den Universitäten) und angewandter Forschung die erforderliche Dynamik in der Forschung nicht gerade positiv beeinflusst hat.

„Die Rede von der Anwendungsorientierung in Forschungsprozessen adressiert eine grundsätzliche Offenheit gegenüber Problemlösungen und Anwendungsmöglichkeiten in allen Forschungsprozessen, ohne dass diese in jedem Einzelfall als verbindliches Ziel festgeschrieben sein sollte.

Dies bedeutet auch, dass Forschungskategorien nicht länger exklusiv einzelnen Typen von Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen zugeordnet werden können.“

Aus Sicht des wissenschaftsstrategisch Interessierten war diese Klarstellung dringend erforderlich, wenn die deutsche Wissenschaft nicht gegenüber dem angelsächsisch-chinesischen Pragmatismus zurückfallen soll. Nach meiner persönlichen Überzeugung kann der Wissenschafts-/Wirtschaftsstandort Deutschland seine Konkurrenzfähigkeit langfristig nur behaupten, wenn sich Universitäten und übrige Hochschulen sowie Forschungsinstitute einer Region in allen Fachgebieten viel enger als bislang miteinander „verbünden“ , um

  • gemeinsam echte Spitzenforschung in den weltweit interessierenden Zukunftsthemen zu erreichen wie „Bekämpfung von Krebserkrankungen“, „künstliche Intelligenz“ oder „klimaneutrales Wirtschaftswachstum“ und damit
  • die gesellschaftlich relevanten Forschungsthemen schneller zu lösen (natürlich zusammen mit den Forschern der gewerblichen Wirtschaft!).

Wir haben im Rahmen des mehrjährigen PwC-Forschungsprojekts „Steuerungsprobleme großer Universitäten in Zeiten der Exzellenzinitiative“ am Ende doch erhebliche Zweifel formulieren müssen an Wirksamkeit, Zweckmäßigkeit und Effizienz der bisherigen deutschen Forschungsförderung mit „Exzellenzinitiative“ und Exzellenzstrategie“ (vgl. das Buch Marettek 2016, Steuerungsprobleme großer Universitäten in Zeiten der Exzellenzinitiative, S. 49-84).

Wenn die dort festgestellten, typisch deutschen Innovationshemmnisse:

  • ein kleinteiliges, häufig noch immer stark konkurrenzorientiertes Nebeneinander der öffentlichen Hochschultypen von Universitäten und HAWs (diesbezüglich ist die WR-Stellungnahme m.E. ein Schritt in die richtige Richtung)
  • die in Deutschland häufig theorieorientierten Forschungskulturen vieler wissenschaftlicher Fachdisziplinen, die dominant darin sind zu beurteilen, was gute Forschung ist, dies führt zu einer gewissen Schwerfälligkeit im Hinblick auf die eigentlich stärker nötige transdisziplinäre Forschung, wie sie jetzt vom Wissenschaftsrat erneut betont wird
  • das immer noch ineffiziente Nebeneinander der öffentlichen Hochschulen einerseits und der außeruniversitären Forschungsinstitute andererseits (ebenda S. 83), das die Stellung der Hochschulen im Wettstreit um die weltweit besten Forscher schwächt, im genannten PwC-Projekt hatten wir übrigens die exzellenzorientierte Koordination aller Forschungsaktivitäten einer Region angeregt, um die optimale Verwendung öffentlicher Mittel zur Wissenschafts- und Wirtschaftsförderung zu erreichen (benötigt wird eigentlich eine demokratiekonforme Konkurrenz der Regionen, vgl. ebenda S. 63ff., die durchaus mit dem wissenschaftsgeleiteten Idealen eines hochklassischen Peer-Reviews und der grundgesetzlich geschützten Wissenschaftsfreiheit vereinbar wäre, ebenda S. 67)
  • die zu starke Dominanz der einzelnen Lehrstuhlinhaber/Direktoren von Forschungsinstituten im Verhältnis zum wissenschaftlichen Kollektiv (ebenda S. 61), verbunden mit der sogar gesunkenen Wahrscheinlichkeit, in Deutschland einen der begehrten Chefposten zu bekommen; in diesem Zusammenhang ist nicht nur das „akademische Prekariat der befristet Beschäftigten“ unbefriedigend, sondern vor allem auch die hohe Wahrscheinlichkeit, dass durch die genannten Strukturen die Flexibilität der Forschung insgesamt behindert und neuartige Innovationen erschwert werden dürften (ebenda S. 65).

Alle genannten Faktoren zusammen belasten die eigentlich noch stärker notwendige Fokussierung auf die wirksame transdisziplinäre Erforschung der gesellschaftsrelevanten Zukunftsthemen – so meine sicherlich etwas überspitzt formulierte These.

Am Anfang eines Blogs wollte ich natürlich auch ein wenig provokativ formulieren. Ich freue mich auf Ihre Antworten – besonders wenn wir auch Lösungsansätze im Hinblick auf die typisch deutsche Wissenschaftssituation (die natürlich auch ihre Stärken in der Breite und theoretischen Fundierung hat!) finden.

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