Wissenschaftliche Fundierung zur Fallstudie 4

Vertiefende Hinweise zur Fallstudie 4

Die Fallstudie 4 verfolgt hauptsächlich vier Themen; hier formuliert als Lernziele:

  • Führungsgrundsätze sind kulturabhängig, hier: westeuropäische Kultur.
  • Sie gelten ähnlich auch für das Ehrenamt (weil sich die Menschen unserer Kultur bei Fragen der Zusammenarbeit ähnlich verhalten).
  • Kompetente Führungskräfte werden vor allem in Krisensituationen benötigt, wenn im Ehrenamt unter Zeitdruck Lösungen erarbeitet werden sollen
  • Auch im Ehrenamt wird wirklich gute Führungsarbeit benötigt, wenn die jeweilige Organisation ihre Ziele erreichen will.
  • Ursächlich hierfür sind die Koordinationsprobleme, die z.B. in einem Verein gelöst werden müssen. Unter Umständen sogar unter Zeitdruck, wenn wie im Beispiel eine Insolvenz wegen Zahlungsunfähigkeit droht
  • Für schwierige Führungsaufgaben ist nicht jede/jeder geeignet
  • Trotzdem gilt: jeder Mensch kann und sollte an den Fähigkeiten arbeiten, sich und andere zu führen.

Hinweise aus der Literatur

Zum Themenkreis Führung im Ehrenamt existieren bislang relativ wenige Bücher. Eine Ausnahme ist das Buch von Britta Redmann, Erfolgreich führen im Ehrenamt, Ein Praxisleitfaden für freiwillig engagierte Menschen, 2., aktualisierte und erweiterte Auflage 2015, Springer-Verlag.

 

Ergänzend hat die FIDES-Projektgruppe verschiedene Hintergrundgespräche mit ehrenamtlich tätigen Führungskräften geführt.

So wurde u.a. am 03.07.2015 der Vorsitzende eines überdurchschnittlich erfolgreichen Sportvereins interviewt. Dieser Sportverein wurde ausgewählt, weil er sowohl im Breitensport (vor allem Leichtathletik) als auch im Spitzensport (Leichtathletik) – dies sogar seit Jahrzehnten – zu den erfolgreichsten deutschen Vereinen zählt.

Wie kann über eine längere Zeit ein Sportverein so erfolgreich sein? Kann Erfolg in der Leichtathletik quasi „vererbt“ werden? Was sind die Erfahrungen der Führungskräfte?

In dem Interview wurden zunächst die organisatorischen Strukturen des Sportvereins erläutert:

  • Der geschäftsführende Vorstand besteht aus 5 ehrenamtlich Tätigen, die sich wöchentlich an einem Abend zum Jour Fix treffen.
  • Dazu existieren 15 Beisitzer zum Vorstand, die jeweils einen Arbeitsbereich ehrenamtlich leiten.
  • Der Gesamt-Vorstand aus 20 Personen trifft sich etwa alle 6-8 Wochen zu übergeordneten Themen.
  • Der Vorsitzende ist hauptberuflich Physiotherapeut, so dass gewisse fachliche Synergien bestehen. Auch seine Frau ist im Verein engagiert, so dass der erhebliche Zeiteinsatz, den er persönlich bringen muss (und damit seine Abwesenheit von seiner Familie) teilweise durch gemeinsame Aktivitäten kompensiert wird.
  • Er ist seit drei Jahren im Amt; zuvor hatte ein Onkel den Verein 42 Jahre geführt. Insgesamt bestehen starke familiäre und verwandtschaftliche Beziehungen und entsprechend starke Vorprägungen zu Gunsten eines Vereinsengagements.
  • Entsprechende Vertrauensvorschüsse im Dorf zu Gunsten einer Familie können wohl angenommen werden (Annahme FIDES-Projektteam).

Was sind die wichtigsten Erfahrungen des Vorsitzenden, warum Sie so erfolgreich sind?

Hochinteressant die ehrliche Antwort des Vorstandsvorsitzenden des Sportvereins: Die persönliche Wertschätzung jedes einzelnen Vereinsmitglieds – insbesondere aber derjenigen, die sich engagieren – wurde vom Vorsitzenden als zentrales Kulturmerkmal des Vereins genannt!

Dementsprechend spielen auch die Gemeinschaftserlebnisse, die auf allen Altersstufen im Verein erlebt werden können, eine bedeutende Rolle:

Von der Schüler-/Nachwuchsarbeit über den Leistungs- und Hochleistungsbereich, das jährliche Sportfest mit internationalem Renomme bis hin zum Senioren- und Gesundheitssport werden alle Altersstufen durch geeignete Angebote angesprochen. Die Vereinsbindung wird durch regelmäßige Trainingslager in Süd-Frankreich – dies habe „Kultstatus“ für viele Familien – und das tägliche zwanglose gemeinsame Mittagessen (durchschnittlich mit 30 Leuten) vertieft. Sogar das jährliche Sportfest ist nicht nur als Arbeit anzusehen, sondern wirkt gemeinschaftsfördernd, weil es regelmäßig von 200-250 Helfern über Wochen vorbereitet wird (natürlich gibt es hinterher auch ein Helferfest!).